Eisbaden
In 30 Tagen vom Warmduscher zum...
1. Die Idee

Eines Tages lernte ich eine junge Russin kennen, die mir erzählte, eines ihrer Hobbies wäre Schwimmen im Eisloch. Meine Bewunderung war enorm.
Wie man dazu kommt? Sie hat früher Wildwasser-Kajaksport getrieben, und dabei werden alle Sportler an Eiswasser gewöhnt, denn wenn ein Kajak umkippt, dann erhöht es die Überlebenschancen erheblich, wenn die Sportler das eiskalte Wasser gewohnt sind. Meine Bewunderung wurde grenzenlos. Nie im Leben hätte ich das gemacht, und als Kind schon mal überhaupt nicht!
Es ließ mir keine Ruhe, dass diese junge Dame etwas konnte, was für mich völlig undenkbar war. Ich begann mich für dieses Thema zu interessieren. Im Internet findet man viel Material zu diesem Thema.

2. Inspiration und Motivation

Ich fand Videos von einer russischen Taucherin namens Natalia Avseenko, die unter anderem im Polarmeer unter dem Eis zusammen mit Beluga-Walen getaucht war und dabei über 10 Minuten im Wasser schwamm - also die doppelte Zeit, die ein untrainierter Mensch überstehen kann, ohne ernsthafte Schäden zu nehmen.
Dann fand ich heraus, dass in Osteuropa viele Menschen in Eiswasser tauchen, und zwar ist dies eine Tradition der orthodoxen Kirche. Am Tag der Heiligen Drei Könige wird ein Loch ins Eis gehackt (oder heutzutage gesägt), oft in Form eines Kreuzes. Die Priester kommen in einer Prozession aus der Kirche und segnen das Wasser, und dann gehen viele Menschen hinein, bekreuzigen sich und tauchen dreimal unter. Das soll die Sünden des Vorjahres abwaschen und Gesundheit und Segen bringen. Jung und Alt sind dabei, auch Omas und Kinder. Auch darüber gibt es viele Videos.
Ich dachte mir, es kann doch nicht wahr sein, dass diese Kinder etwas können, was ich nicht kann. Aber wie kann ich dies erreichen?

3. Der Weg

Schließlich fand ich eine Internetseite, wo jemand beschrieb, wie er es geschafft hatte, indem er jeden Morgen die Dusche ein bisschen kälter gestellt hatte. Dies schien mir eine einfache Methode zu sein, um mich an die Kälte zu gewöhnen.
Anfang Dezember fing ich damit an, ganz gemütlich mit 30°C. Jeden Morgen stelle ich die Dusche ein halbes Grad kälter. Ich brauste immer erst die Beine zweimal ab, dann die Arme, dann vom Bauch hinauf bis zum Hals und dann den Rücken. Anschließend brauste ich den ganzen Körper ab und zählte dabei langsam bis 60.
Kurz vor Weihnachten war ich bei 20°C angekommen. Das war schon reichlich kalt, aber eigentlich hatte ich keine Probleme, auch wenn ich zuerst immer erst mal heftig atmen musste, wenn mir das kalte Wasser über den Oberkörper lief. Aber das ging immer schnell vorbei. Es gab mir allerdings zu denken, dass ich auf dem Weg von 30°C bis 0°C noch nicht sehr weit gekommen war. Aber ich machte weiter.
Am Morgen des 24.12. duschte ich bei 19°C, und währenddessen kam mir plötzlich die entscheidende Erkenntnis: ich gewöhnte mich überhaupt nicht an die Kälte! Es war ganz anders: die Kälte wirkte wie eine Narkose, sodass die Hautnerven nicht mehr in der Lage waren, den Kältereiz ans Gehirn weiter zu leiten. Deshalb war meine Haut auch beim Abtrocknen immer so gefühllos. Nachdem mir das klar geworden war, drehte ich das warme Wasser komplett ab und duschte mit 14°C weiter, ohne dass mir dies besonders schwer fiel. Kälteres Wasser hatte ich nicht zur Verfügung - also wie ging es jetzt weiter?
Heilig Abend wehte ein relativ laues Lüftchen, etwa 14°C. Diese Gelegenheit musste ich nutzen, denn kalte Luft könnte mich demotivieren. Ich wartete die Dunkelheit ab, weil ich keine Zuschauer mit dummen Fragen haben wollte, packte eine Thermoskanne mit warmem Tee und Handtücher ein und radelte 5 km zu einem Badesee im Wald. Das Wasser hatte 4°C. Ich zog Schuhe und Hose aus und stieg ins Wasser. Es ging! Dann zog ich das Hemd aus und hockte mich bis zum Hals ins Wasser. Das ging auch! Ich keuchte erst wie immer, aber mein Atem hatte sich schnell wieder beruhigt, ich schwamm eine ganz kleine Runde und trocknete mich wieder ab. Die Haut prickelte, als sie wieder warm wurde. Ich radelte wieder nach Hause und trank den Tee erst dort.
Nun wusste ich, dass ich es kann, denn auf die paar Grad kam es nun auch nicht mehr an. Es ärgerte mich sogar, dass ich nur so kurz im Wasser geblieben war. Deshalb machte ich am folgenden Abend noch einen Versuch und schwamm so lange hin und her, bis ich wie gewohnt langsam bis 60 gezählt hatte. Keine Probleme außer klammen Fingern.
An den nächsten Tagen machte ich noch zwei Versuche: ich legte mich in die Badewanne bei etwa 13°C. Dabei hatte ich deutlich das Gefühl, dass mir dies schwerer fiel als in dem See. Offensichtlich sind Temperaturen zwischen 10°C und 15°C die unangenehmsten. Darunter wird es wieder leichter, weil die Haut umso schneller gefühllos wird, je kälter es ist. Deshalb hatte ich vor dem Eisloch keine Angst mehr. Ich hatte die feste Gewissheit, dass ich das kann!

4. Das Ziel

Schon vor Weihnachten hatte ich mich erkundigt, wo man im Eiswasser schwimmen kann. Im Frankfurter Raum gab es nur zwei Möglichkeiten: das traditionelle Neujahrs-Anbaden in einem Schwimmbad in Wehrheim (zwischen Frankfurt und Gießen) und das eher private Neujahrs-Anbaden, das von einigen FKK-Freunden in dem Waldsee "Grube Prinz von Hessen" östlich von Darmstadt veranstaltet wird.
Ich nahm mit diesen Leuten Kontakt auf, weil der Waldsee näher an Offenbach liegt und weil ich mir schönere Aufnahmen vorstellte. Der Wetterbericht versprach leichte Minustemperaturen und somit eine dünne Eisschicht, die der Waldsee wohl tragen würde, während in dem Schwimmbad das Eis immer restlos entfernt wird.
Als ich am Morgen des 1.1.2017 aus dem Fenster schaute, fröstelte es mich, denn alles war mit Raureif bedeckt. Aber gerade dadurch erhoffte ich mir auch besonders schöne Aufnahmen. Das gewohnte Kaltduschen sparte ich mir an diesem Morgen. Mittags packte ich wieder warmen Tee und Handtücher ein, außerdem meine Kameras mit Stativ. Auf dem Parkplatz bei dem Waldsee versammelten sich dann insgesamt fünf Männer, von denen einer aber nur zuschauen wollte.
Der See war komplett zugefroren, was den Organisator etwas aus dem Konzept brachte, weil er es nicht für nötig gehalten hatte, eine Axt mitzubringen. Wir gingen halb um den See herum zum Badestrand, und dort gab es zum Glück eine kleine eisfreie Wasserfläche.
Ich baute meine Videokamera auf das Stativ und richtete sie auf den Rand des Eises, schön mit reifbedeckten Gewächsen im Vordergrund. Dann gab ich meine Fotokamera dem fünften Mann in die Hand und zog mich aus. Da waren die drei anderen aber schon fertig und trockneten sich wieder ab. Ich stieg ins Wasser und machte es genau so, wie ich es geübt hatte: erst die Beine, dann die Arme eingetaucht und dann den Rest. Wie erwartet, beruhigte sich mein Atem relativ schnell, und ich schwamm zu der Stelle, auf die ich die Videokamera gerichtet hatte. Das Eis war sehr dünn und ließ sich leicht mit der Hand zerbrechen. Deshalb zögerte ich nicht, eine Idee umzusetzen, auf die ich schon vor ein paar Tagen gekommen war: ich holte tief Luft, tauchte unter das Eis und stieß mit dem Kopf durch das Eis nach oben. Das funktionierte prima, wenn auch die Videoaufnahmen nicht so spektakulär wurden wie erhofft. Dann schwamm ich zurück und trocknete mich ab.

Insgesamt war ich eine knappe Minute geschwommen. Es ging mir ziemlich gut außer dass ich steif gefrorene Finger hatte. Der Fotograf musste mir beim Zuknöpfen des Hemdes helfen. Nun war der warme Tee wirklich eine Wohltat!
Anschließend ging es in ein nahe gelegenes Restaurant, wo wir uns bei Kaffee und Glühwein aufwärmten und zu Mittag aßen.
Den Rest des Nachmittags verbrachten wir in einer Saunaanstalt, die den Rest von Kälte aus unseren Körpern vertrieb.

5. Fazit

So begann das Jahr 2017 mit dem Erlebnis, dass man auch noch mit 63 Jahren alte Gewohnheiten ablegen und über sich selbst hinaus wachsen kann.
Es ist nur leider ein wenig enttäuschend, dass ich eigentlich immer noch ein Warmduscher geblieben und kein bisschen abgehärtet bin. Dies alles war kein Gewöhnungs-, sondern ein Lernprozess gewesen. Aber wenigstens brauche ich mir jetzt von kleinen Kindern nichts mehr vormachen zu lassen!